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Auszeit in Nigeria
Autor: Dr. Claudia Wilfinger 

Eine Auszeit im Sacred Heart Hospital, Abeokuta, Nigeria

Einmal in der dritten Welt als Ärztin zu arbeiten war schon länger mein Wunsch. Anfang März 2005 war es soweit. Mein Flug ging von Graz aus über Frankfurt nach Lagos. Ich hatte einen Monat Urlaub genommen und ging für 2 weitere Monate in Fortbildungskarenz.

In Lagos wurde ich mit einem Bus des Krankenhauses abgeholt, wir fuhren 100 km in den Norden nach Abeokuta, wo sich das Sacred Heart Hospital befindet. Die Stadt wurde vor ungefähr 200 Jahren gegründet, wie viele Menschen dort leben kann niemand genau sagen. Wenn man auf dem Oluma Felsen steht, sieht man Häuser bis zum Horizont, die meisten mit einem ersten Stock versehen und mit rostigen Wellblechdächern bedeckt, dazwischen viele Kirchen, in der Mitte ein Fluss, der in Mäandern träge dahin fließt.
Diese Stadt wächst nicht in die Höhe, sondern dehnt sich in die Breite aus. Überall wimmelt es von Menschen, sehr vielen Kindern, Autos und Motorrädern, an den permanenten Krach muss man sich erst gewöhnen.
Abeokuta, Nigeria
Es hat Tage gedauert, bis ich es zum ersten Mal gewagt habe, den geschützten Krankenhausbereich zu verlassen. Als Weißer fällt man überall sofort auf, weil sich wenige Weiße nach Abeokuta verirren, man findet sie eher im Küstenbereich. Ich war tief beeindruckt und fasziniert von der Freundlichkeit der Bevölkerung, mit der ich überall empfangen und aufgenommen wurde. Nachdem, was ich im Vorfeld über Nigeria und die Gewalt, die dort herrscht, gehört hatte, war ich mehr als überrascht. Mit der Zeit lernte ich, dass die Extreme von Überfällen einerseits und Gastfreundlichkeit andererseits nahe beieinander liegen.

Das Krankenhaus


Das Sacred Heart Hospital (SHH) wurde 1895 gegründet. Das Krankenhaus ist von einer Mauer umgeben und wird permanent von einer Vielzahl von Security Männern und Frauen bewacht. Einige Monate vor meiner Ankunft fand ein bewaffneter Überfall statt, einiges wurde gestohlen, Menschen wurden nicht verletzt.
Ich war daher sehr froh, dass sich mein kleines Appartement im ersten Stock des Angestellten Wohnhauses befand. Hier fühlte ich mich sicher und lebte mit Spültoilette, Dusche, Eisschrank und Klimaanlage in einem unglaublichen Luxus.

Das Krankenhaus hat knapp 400 Betten und 470 Mitarbeiter, 15 Ärzte sind fix angestellt. In dem Areal, in dem ich untergebracht war, gibt es Abteilungen für Pädiatrie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Interne und Chirurgie, wo ich mitgearbeitet habe. OP-PlanDie chirurgische Station verfügt über 50 Betten, neben der Normalstation mit je 2 Zimmern für Frauen und Männer gibt es auch Privatbetten. Dr. Steve Kanu leitet die chirurgische Abteilung. Ende April 2005 kam er von einem 6 monatigen Aufenthalt aus Graz zurück, wo er sich auf der 1. Chirurgie im LKH weitergebildet hatte. Die Zusammenarbeit mit meinen afrikanischen Kollegen war gut, sie waren sehr freundlich und haben mir viel erklärt.

Unsere Art Medizin zu praktizieren kann nicht 1:1 in Afrika angewandt werden, zu unterschiedlich sind Erkrankungen, Klima, soziale und familiäre Strukturen. Die Patienten im SHH müssen alle Formen der Behandlung selbst bezahlen. So werden die meisten Operationen spät, manchmal zu spät, durchgeführt, die Patienten lassen sich oft zuerst von native doctors behandeln. Wenn nichts mehr hilft, muss erst das Geld für eine schulmedizinische Therapie aufgebracht werden. Und das kann Tage bis Wochen dauern. Nur in absoluten Notfällen wird gleich operiert, wenn der Patient und seine Familie nicht bezahlen können.

Während des stationären Aufenthaltes übernehmen die Angehörigen die Pflege des Patienten. Graz in NigeriaSie bringen das Essen, das im Areal des Krankenhauses zubereitet werden kann, sie waschen den Patienten und seine Wäsche. Überall hängen Wäschestücke zum Trocknen. Daher sind die Pflegekosten sehr niedrig, und die Schwestern haben ein anderes Tätigkeitsprofil als bei uns. Schwestern führen Impfungen durch, beschneiden die männlichen Säuglinge, leiten die Narkosen ohne Hilfe von Anästhesisten. Intubationsnarkosen gibt es nicht, jeder operative Eingriff wird mit Ketamin durchgeführt.

Jeden Morgen bin ich bei der Visite mitgegangen, habe im OP geholfen und ambulante Patienten gesehen. Die Arbeitstage waren unterschiedlich lang, je nachdem wie viel zu tun war. Ich habe einem Kollegen die operative Therapie kindlicher Leistenbrüche gezeigt und assistiert, dafür konnte ich meine erste Sectio machen. Was ich alles gesehen habe, kann ich gar nicht beschreiben. Vorbereitung zur GastroskopieOft blieb mir der Mund offen stehen, so unglaublich waren die Krankheiten die sich mir als mitteleuropäischem Mediziner präsentiert haben, und ich habe meine afrikanischen Kollegen bewundert. Ich habe von ihnen sehr viel gelernt, wir standen in einem permanenten fachlichen und kulturellen Austausch. Viele Patienten mit akuten Bauchproblemen werden ohne jede Voruntersuchung sofort operiert. Nur 2 Laborwerte werden regelmäßig durchgeführt, das sind Hämatokrit und HIV Schnelltest. Selten gibt es ein Röntgen oder ein Sono, ein CT ist die absolute Ausnahme. Daher wird auch das Abdomen in der Regel sehr großzügig eröffnet, denn selten weiß man, was einen erwartet.

Auch die Anamnese ist oft nicht hilfreich. Wer weiß schon genau, wann die Beschwerden begonnen haben, und Fieber wird bei diesen Temperaturen kaum wahrgenommen. Viele Patienten haben eine schlechte Schulausbildung genossen, sie sprechen kaum Englisch und sind schwer verständlich. Ich habe Wochen gebraucht, um mich einzuhören, und ohne die Übersetzung der Schwestern wäre eine Verständigung oft nicht möglich gewesen. Als Arzt aus Europa lernt man wieder seine Sinne zu schärfen, denn das einzige auf das man sich wirklich verlassen kann, sind die eigenen Untersuchungen und erhobenen Befunde.

Natürlich muss alles mit der Hand geschrieben werden, über Computer verfügen nur einzelne Ärzte und die Mitarbeiter in der Administration.

Im SHH sind auch immer wieder Gäste aus Europa anzutreffen. Gemeinsam habe ich mit Prof. Rainer Passl und Dr. Georg Schauer aus Graz gearbeitet. Ich traf Krankenpflegeschüler und Medizinstudenten aus Deutschland, Österreich und Frankreich. Das Freizeitangebot ist natürlich beschränkt, das Krankenhaus verfügt über einen kleinen Pool und einen betonierten Tennisplatz ohne Zaun mit durchhängendem Netz. Gerne gingen wir abends ein nigerianisches Bier trinken und haben uns gegenseitig die Geschichten des Tages erzählt.

Ich habe jetzt verstanden, warum sich gerade in Afrika die Erzählkultur in hohem Niveau entwickelt hat. Vieles was in unserer hektischen Zeit in Europa verloren gegangen ist, habe ich in Nigeria wieder neu erfahren und gelernt.

Am Ende meiner 3 Monate habe ich mich sehr auf zu hause gefreut und war von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich in Europa leben darf. Was meine Generation betrifft, kommt zur Gnade der späten Geburt (Zitat Helmut Kohl) auch die Gnade des geschützten und wohlhabenden Heimatlandes. Andererseits bin ich auch sehr schwer weggefahren, ich spürte eine tiefe Zerrissenheit. Aber ich weiß, ich habe viel gelernt, nicht nur in medizinischer Hinsicht.

Gute Zusammenarbeit


Afrika hat viele Ressourcen, leider werden sie nur zum Teil genützt. Vielleicht können wir ihnen dabei helfen.

Graz, August 06, Dr. Claudia Wilfinger

Kontaktadressen im Sacred Heart Hospital, Abeokuta, Nigeria:

Dr. Gertrud Biersack, Chief Medical Director: +234 8044128942 (Handy in Nigeria)
Dr. Tunde Sowole, Medical Director: eMail:Email senden an Medical Director
Father Akintolu, Administrator: eMail:Email senden an Clinical Administrator
 

Zuletzt bearbeitet am 09.11.2008 um 19:16