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Hospitation in Nepal

MEDIZIN EINMAL (WO)ANDERS

HOSPITATIONSAUFENTHALT ALS KINDERCHIRURG IN DHULIKHEL-NEPAL


Von Oberarzt Dr. Lutz Stroedter

Wer von Nepal hört denkt zuerst sicherlich an hohe Berge, schöne Naturparks, Trekking Touren, Teppiche und wilde Tiere. Die sozialen Nöte des Landes sind dagegen weniger in den Köpfen der Menschen gegenwärtig oder werden gerne verdrängt.

Nepal gehört zu den ärmsten Ländern dieser Erde. Wer dort lebt hat im Durchschnitt ein Monatseinkommen von weniger als 18 Euro. Das Bruttosozialprodukt des Landes liegt bei ca 190 Euro/Kopf der Bevölkerung.
80-90% der Menschen leben von der Landwirtschaft, bewirtschaften meist nur kleine Flächen in den terrassierten Hängen des Landes und leben in Lehm- oder Steinhütten ohne fließend Wasser oder Strom. Zu den Gesundheitseinrichtungen des Landes haben nur die Menschen in den größeren Städten direkten Zugang. Die Menschen auf dem Land oder in den Bergen brauchen mehrere Tage bis sie zu Fuß ein Krankenhaus erreichen können. Die Transportwege sind schlecht und in der Regenzeit sogar unpassierbar. Geld, und die Möglichkeit für eine Busfahrt haben nur wenige.

Bereits vor 4 Jahren nahm ich Kontakt mit der Klinik in Dhulikhel auf. Der Ort liegt etwa 30 km von der Hauptstadt Kathmandu entfernt, am Rande des Kathmandu Valley. Ein Zeitungsartikel hatte mich damals auf diese Klinik aufmerksam gemacht und ich fragte nach, ob man einen Kinderchirurgen dort gebrauchen könnte. Die Antwort war ehrlich, wenn auch für mich zunächst unerwartet: Nein! Derzeit kein Bedarf, da keine Kinderklinik in Dhulikhel vorhanden war. Nach 3 weiteren Jahren frischte ich den Kontakt wieder auf. Inzwischen war eine Kinderklinik gebaut worden und einer Hospitation stand nichts mehr im Wege. Vom 24.2. bis 24.3.2008 besuchte ich die Klinik zur Hospitation und zur Ausbildung von Studenten und Mitarbeitern.


Dhulikhel Hospital


Dhulikhel Hospital


Ram Shrestha, der Direktor der Klinik, hat in Österreich Medizin studiert und auch seine Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie dort absolvieren können. Er hat fast 15 Jahre im Ausland verbracht bevor er seiner Heimat mit der Gründung des Spitals helfen konnte. Vor 11 Jahren wurde die Klinik in Dhulikhel als unabhängiges, Non Profit Hospital gegründet. Sie bestand zunächst nur aus zwei Räumen für chirurgische und internistische Patienten. Weitere Abteilungen sind hinzugekommen. Mit Anästhesie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Augenklinik, Orthopädie, Dermatologie, Cardiologie, Pulmologie und Zahnklinik wird eine breite Palette an medizinischer Hilfe angeboten. Ein Urologe kommt aus Kathmandu einmal die Woche. Außerdem gibt es eine Physiotherapieabteilung, einen Bereich für Radiologische Diagnostik, ein Klinisch Chemisches Labor und ein Labor für Pathologie.

Die Erstbehandlung in den Ambulanzen kostet den Patienten lediglich 15 Rupees (ca 14 cent) und jedes Follow up 10 Rupees. Stationäre Patienten zahlen 150 Rupees (ca 1,50€) pro Tag. Spezialuntersuchungen wie z.B. CT oder MRT zählen extra und werden derzeit noch überwiegend in Kathmandu durchgeführt. Als gemeinnütziges Non-Profit Hospital ist man auf diese Einnahmen angewiesen, wenn auch der Hauptteil des Jahresbudgets von Spendengeldern stammt welche überwiegend in Europa gesammelt werden. Ein spezieller Sozialfond der Klinik sichert auch denen eine Behandlung zu, die sich die Behandlungskosten nicht leisten können. Somit erhält jeder medizinische Hilfe ohne Rücksicht auf finanzielle Möglichkeiten oder Fragen der Herkunft oder sozialen Kaste. Dies ist für Nepal nicht selbstverständlich und die Kontraste zu anderen Public Hospitals und Kliniken in Bezug auf die sozialen Komponenten könnten kaum größer sein. Die Ausstattung der Klinik, der Hygienestandart und die Organisationsstruktur liegen in Dhulikhel weit über dem Landesniveau und orientieren sich an europäischen Modellen.

Heute hat die Klinik insgesamt 317 Betten, drei OP Säle, 64 Ärztinnen und Ärzte und ca 130 Pflegekräfte. Mittlerweile arbeiten mehr als 400 Personen im Krankenhaus und viele weitere liefern ihre Produkte in das Hospital oder profitieren durch Erbringung von Dienstleistungen für die Klinik. Dhulikhel Hospital wurde zu einem der wesentlichsten Arbeitsbeschaffer und Wirtschaftsfaktoren und bietet einen hohen sozialen Beitrag für die Region.

Die Klinik betreut außerdem noch 7 Außenstationen die der Reihe nach einmal pro Woche mit einem Ärzteteam besucht werden. Kleinere Operationen oder Impfungen, sowie ärztliche Untersuchungen können dann ortsnah für die Landbevölkerung durchgeführt werden. In der übrigen Zeit werden die Patienten dort von speziell ausgebildeten Pflegekräften versorgt, die meist aus diesen Regionen stammen und nun in den Gesundheitszentren arbeiten.

Außenstation auf dem Land


Operationsteam während einer OP in einer Außenstation auf dem Land


Dhulikhel Hospital ist eine Ausbildungsklinik und der Kathmandu University als Teaching Hospital für Medizinstudenten und Ausbildung von Pflegekräften angegliedert. Für Professor Ram Shrestha ist die Ausbildung von jungen Menschen der Schlüssel für die Zukunft des gesamten Landes und zu einem besseren Leben. Und so war auch mein Aufenthalt durch die Erbringung von Vorträgen für die Studenten und Mitarbeiter begleitet und ein wesentlicher Bestandteil meiner Reise. Jeder Tag hatte einen genauen Tagesablauf, der mir bereits mehrere Wochen vor meiner Anreise in Form eines Programms zugesandt worden war. Hierin waren meine Vorträge ebenfalls bereits enthalten und diese Organisation war wirklich erstaunlich.

Ein typischer Tagesablauf war: 8.00 Uhr Morning Meeting, 8.35 Uhr Staff Teaching Lecture, 9.00 Uhr Visite und Beginn des OP Programms oder Outpatient Clinic, 14.00 Uhr Nachmittagsvisite und gegen 16.00 Uhr war offiziell Feierabend. In Nepal arbeitet man 6 Tage die Woche. Nur der Samstag ist Feiertag.

Im letzten Jahr wurde nun eine Abteilung für Kinderheilkunde und Neonatologie eingeweiht und es steigt die Notwendigkeit Operationen auch an Kindern durchzuführen. Professor Shrestha und der erste Oberarzt der Allgemeinchirurgie, der einige Zeit auf einer Kinderchirurgie gearbeitet hat, führen diese Eingriffe durch. Dies sind überwiegend Herniotomien und kleinere Baucheingriffe. Eine Laparoskopieeinheit ist vorhanden, wird aber bei Kindern eher selten verwendet.
Septische Krankheitsbilder und Infektionen machen einen Großteil des Patientenaufkommens aus. Unterstützt durch Mangelernährung sind diese Komplikationen deutlich häufiger zu finden und können schwerer verlaufen als bei uns. Schwere Fasciitis Verläufe und Bauchdeckenabszesse bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen kamen immer wieder vor. Manches Mal glaubte man sich in einem Feldlazarett zu befinden wenn die eitrigen Wundhöhlen ausgeschnitten, gesäubert und drainiert werden mussten. Die Tagesroutine umfasste im Übrigen die auch bei uns üblichen Operationen einer Allgemeinchirurgie.

Fasciitis


Säugling mit Nekrotisierender Fasciitis und Laschendrainagen. Großflächige Hautulzerationen und Gewebsdefekte


Ich war in all diese Aufgaben aktiv mit eingebunden und die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Chirurgie war eine große Freude und insbesondere in der septischen Chirurgie für mich sehr lehrreich. Als Kinderchirurg wurde ich automatisch auch zu jedem Kind hinzugezogen welches in der Abteilung für Chirurgie vorgestellt wurde. Hierzu gehörte auch ein 6 Monate altes Kind mit Analatresie bei dem die Eltern erst jetzt bemerkt hatten, dass es keine Analöffnung besaß. Wir konnten das Kind zwar erfolgreich operieren, doch erlebt man als Kinderchirurg dabei auch wie schwierig es ist den westlich gewohnten Standart auf sozial schwächere Länder zu übertragen. Solche Kinder, die im Hinterland Nepals sonst eher versterben bevor sie einem Arzt gezeigt werden erwartet ein ungewisses Schicksal wenn es zu Komplikationen kommt. Bei einem Säugling mit einer fortgeschrittenen Fasziitis, die wahrscheinlich durch das Ausdrücken einer geschwollenen Brustdrüse entstanden war, mussten wir die Eltern davon überzeugen das Kind weiter behandeln zu lassen da es sonst unweigerlich gestorben wäre. Dies hätten die Eltern jedoch billigend in Kauf genommen da genügend weitere Geschwisterkinder vorhanden waren. In Nepal haben die Familien 8 bis 10 Kinder und an eine hohe Säuglingssterblichkeit ist man hier gewöhnt. Auch wurde mir erzählt, dass Kinder schon mal von ihren Eltern in der Klinik zurückgelassen worden sind als eine Besserung zulange auf sich warten ließ.

Familie in Nepal


Nepalesische Bauernfamilie


All diese Art des Denkens ist uns fremd und man hat einiges zu verarbeiten wenn man zum ersten Mal diese Länder bereist. Man weiss um die Möglichkeiten im eigenen Land zuhause und erkennt wie hilflos man plötzlich den Problemen vor Ort gegenübersteht. Wer schon einmal bei einem Säugling eine Vena Sectio mit zu großen Instrumenten und unter Verwendung einer umfunktionierten Ernährungssonde bei Taschenlampenlicht auf der Station gelegt hat erkennt rasch wie geradezu paradiesisch es uns in den eigenen heimischen Krankenhäusern geht. Es ist gut einmal auch die andere Seite der sozialen Welt zu besuchen um das eigene Werteschema wieder etwas gerade zu rücken. So bekommt der Begriff Entwicklungshilfe eine bilaterale Bedeutung.

Verkaufsstand für Gewürze


Typischer Verkaufsstand für Gewürze auf einem Markt in Kathmandu


Mein Aufenthalt in Dhulikhel wurde finanziell unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Steiermärkischen Landesregierung Österreich wofür ich mich herzlich bedanken möchte.

Lutz Stroedter


Kontaktadresse:
OA. Dr. Lutz Stroedter
Medizinische Universität Graz
Klinik für Kinder- und Jugendchirurgie
Auenbruggerplatz 34
A-8036 Graz
Austria
email: Lutz.Stroedter@Klinikum-Graz.at
Tel.: +43-(0)316-385 80450
+43-(0)316-385 3762 (Sekretariat)
Fax.:+43-(0)316-385 3775
Zuletzt bearbeitet am 09.11.2008 um 19:16