|
|
 |
|
 |
|
Auf den Golanhöhen |
|
|
6 Monate auf den Golan Höhen im UN Einsatz
Ein Erfahrungsbericht von Dr. Claudia Wilfinger, Graz
Einleitung: Am 3.6.09 flog ich mit Soldaten und einigen wenigen Soldatinnen des österreichischen Bundesheeres nach Damaskus. Ich hatte mich als vertragsbedienstete Ärztin für ein halbes Jahr im Auslandseinsatz verpflichtet. Im Vorfeld musste ich einen körperlichen und psychologischen Eignungstest absolvieren, außerdem lagen 10 Tage Einsatzvorbereitung in der Wallenstein Kaserne in Götzendorf/Burgenland hinter mir. Ich trug die olivgrüne Uniform des österreichischen Bundesheeres, die UN Kappe saß etwas schief auf meinem Kopf. Es war ein Flug ins Ungewisse; trotz verschiedener Vorinformationen war ich mir nicht sicher, was mich erwarten würde.
Geschichte: Nach dem Ende des Yom-Kippur-Krieges 1973, in dem die Israelis syrisches Gebiet auf den Golan Höhen besetzt hatten, wurde am 31.5.1974 ein Truppenentflechtungsabkommen unterzeichnet. Dabei einigten sich Syrien und Israel, der Stationierung von UN Truppen (UNDOF = United Nations Disengagement Observer Force) zwischen ihren Frontlinien auf den Golan Höhen zuzustimmen. Österreichische Soldaten verließen ihre Stellungen auf dem Sinai/Ägypten und überquerten mit dem gesamten Material den Suez-Kanal, um sich auf dem Golan im israelisch-syrischen Grenzgebiet zu stationieren. Dort stellen sie das größte Truppenkontingent (ca. 380 SoldatInnen) und sorgen gemeinsam mit anderen Nationen bis zum heutigen Tag für Sicherheit und Stabilität. Ihr Einsatz ist völkerrechtlich durch ein Mandat der UN legitimiert.
Geografie des Einsatzraumes: Um meinen Tätigkeitsbereich besser zu verstehen brauchte ich zumindest einige wenige geografische und militärische Grundkenntnisse: Die Zone auf den Golan Höhen (AOS = area of separation), die von den Soldaten durch Beobachtungs-, Patrouillen- und Postendienste überwacht wird, ist in nordsüdlicher Richtung 90 km lang und reicht von der libanesischen zur jordanischen Grenze. Die Breite beträgt im Norden 7 km, im Süden dagegen nur 1 km. Eindrucksvoll ist der Höhenunterschied, der vom Berg Hermon im Norden bis zur Südspitze der Zone an der jordanischen Grenze knapp 3000 Höhenmeter beträgt.
Einsatztruppe: Das AUSBATT (Austrian Bataillon, zu dem auch das kroatische Kontingent gehört) besteht aus 4 Kompanien. Im Camp Faouar auf der syrischen Seite, 50 km von Damaskus entfernt, befinden sich das Kommando und die Stabskompanie. Die 1. Kompanie besetzt die Bergregion mit 4 Stellungen. Auf dem Gipfel des Hermon liegt der weltweit höchstgelegene, permanent besetzte UN Stützpunkt, die Position Hermon Hotel (2814 m). Die 2. Kompanie befindet sich im Raum Quneitra, die 3. Kompanie wird von kroatischen Soldaten geführt. Auch die 2. und 3. Kompanie haben jeweils mehrere Stellungen (Positions).
Arbeitsplatz: Ich gehörte der Stabskompanie an, mein Arbeitsplatz war das Medical Center im Camp Faouar. Hier arbeiten 3 Ärzte unter der Aufsicht des SMO (senior medical officer), einer davon ist ein kroatischer Kollege. So wäre es zumindest geplant gewesen, leider sah die Realität anders aus. Neben den Ärzten sind Sanitätspersonal und Kraftfahrer des San Zuges beschäftigt.
Das Medical Center ist vor ein paar Jahren neu errichtet worden. Neben den Büros und Aufenthaltsräumen findet man einen Wartebereich für ambulante Patienten, einen Behandlungs- und einen Eingriffsraum für Infusionen, kleinere operative Eingriffe, Verbände usw. Im hinteren Trakt des Hauses befinden sich 4 Zweibettzimmer für stationäre Patienten. Die Apotheke ist mit einer großen Anzahl von Medikamenten gut bestückt. Es gibt auch ein mobiles Röntgen, vermisst habe ich lediglich ein Ultraschallgerät. Mit Patienten, die unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten überforderten, fuhren wir nach Damaskus ins Al Salam Hospital, einem modernen Krankenhaus mit gutem medizinischem Standard. Hier haben wir uns bestens betreut gefühlt. Die Kosten für notwendige Behandlungen werden von der UNO übernommen. Auch auf der israelischen Seite gibt es empfehlenswerte Krankenhäuser, die wir allerdings während meiner Rotation nicht anfahren mussten.
Aufgabenbereich: Meine ärztliche Tätigkeit war sehr vielfältig. Jeden Tag mussten zwei 24 Stunden Dienste besetzt werden, der Alpha Dienst für alle ambulanten und stationären Patienten und der Bravo Dienst als so genannter Hintergrunddienst. Das Bravo-Team fährt dann aus, wenn in der Zone etwas passiert, wenn Patiententransporte, der Minensuchdienst (EOD) oder Patrouillen mit dem SISU (Command patrol) begleitet werden müssen. Da monatelang die 4. Arztstelle nicht besetzt werden konnte, und ein Kollege meistens auf Urlaub war, haben die beiden anderen wochenlang im Wechsel Alpha und Bravo Dienste geschoben. Während dieser Dienste war es weder erlaubt das Camp zu verlassen, außer aus dienstlichen Gründen, noch einen Tropfen Alkohol zu trinken. Ich muss zugeben, dass diese permanente Einsatzbereitschaft über Wochen etwas an meinen Nerven gezerrt hat.
Entgegen anders lautenden Gerüchten kam ich mit einer Alkoholunverträglichkeit nach hause zurück, meine Leber schien am Golan geschrumpft zu sein. Das erste Bier warf mich fast vom Stuhl, dafür hatte ich eine Abhängigkeit von Fruchtsäften entwickelt, die syrische Marke heißt übrigens Ugarit. Bei meiner Arbeit fühlte ich mich oft an meine Zeit als Allgemeinmedizinerin am Land erinnert. Nicht nur die Krankheitsbilder waren die gleichen, auch die Art der Kommunikation wies Ähnlichkeiten auf. Gespräche mit Patienten fanden nicht nur im Med Center sondern auch an allen anderen Plätzen statt (Außenordinationen auf der Camp Straße, im Speisesaal, Postamt usw.). Es gab auch den nächtlichen Hausbesuch, wenn z.B. ein junger Gefreiter seine Alkoholverträglichkeit falsch eingeschätzt hatte.
Auch meine kinderchirurgischen Erfahrungen kamen mir zugute. Immer wieder standen syrische Eltern mit verletzten Kleinkindern am Gate des Camps und baten um Erste Hilfe, besonders großflächige Verbrühungen waren häufig. Bei Kontrolluntersuchungen dieser kleinen Patienten waren wir jedes Mal vom schnellen Heilungsverlauf überrascht. Entweder sind die Einheimischen widerstandsfähiger, oder es heilt alles schneller im warmen Klima Syriens. Leider werden die Kleinkinder von den Erwachsenen nur ungenügend beaufsichtigt, wie das oft in Schwellen- und Entwicklungsländern der Fall ist, und es kommt immer wieder zu schweren Unfällen mit teilweise auch tödlichem Ausgang. Oft sah ich diese kleinen Kinder bei Fahrten durch die Ortschaften alleine am Straßenrand gehen oder spielen. Unsere Kinderschutzgruppen und Sozialarbeiter wären jahrelang beschäftigt, um das Schlimmste zu verhindern.
Hilfreich war auch meine psychotherapeutische Ausbildung. Das Leben im Auslandseinsatz kann eine Eigendynamik entwickeln, die im Vorfeld nicht absehbar ist, und bei manchen Kameraden treten nach Wochen und Monaten Probleme auf, mit denen man nicht gerechnet hätte. Beziehungen zu hause werden auf eine harte Probe gestellt und können auch zerbrechen. Mancher musste leider vor seiner Zeit wieder nach hause geschickt werden, da er sich für den Einsatz als untauglich herausstellte. Beschäftigt haben uns außerdem Thailand Reisende, Bodybuilder, über- und falsch trainierte Sportler, Kettenraucher und Kameraden mit einem Alkoholproblem. Als ich gebeten wurde für den AUSBATT-Splitter (Magazin für die österreichischen UNO-Soldaten auf den Golan Höhen) 2 medizinische Artikel zu verfassen, entschied ich mich für die Themen: „Rauchen im Auslandseinsatz“ und „Alkohol im Auslandseinsatz“.
Das Impfen der Soldaten gehörte ebenfalls zu meinen ärztlichen Aufgaben. Gemeinsam mit einem motivierten Mitarbeiter des San Zuges entwickelten wir ein Programm, in dem wir alle Mitarbeiter des österreichischen Kontingentes mit ihren Impfdaten einspeicherten. Das war zwar am Anfang sehr viel Arbeit, hat uns aber letztendlich die Organisation enorm erleichtert. Jeden Monat warf uns der Computer die zu impfenden SoldatInnen aus, der Rest war dann fast kein Problem mehr.
Hygiene-Kontrollen durchzuführen war für mich berufliches Neuland, verschaffte mir aber die Möglichkeit, wenigstens ein Mal im Monat die phantastische Bergwelt des Hermongebirges zu genießen und die Positionen am Berg zu besuchen. Hermon Base, Hermon Süd und Hermon Hotel erinnern an ein Stück Heimat im fremden Land. Sie gleichen in vielen Punkten den Berghütten des Alpenvereines, und die Männer, die dort arbeiten ähneln mehr erfahrenen Bergführern als Soldaten. Ihr Symbol ist das Edelweiß. Der Besucherstrom auf dem Hermon, auch Feldtourismus genannt, ist nie abgerissen. Bisweilen gaben sich hochrangige Militärs und Politiker aus allen Herren Ländern die Klinke in die Hand, nicht immer zur restlosen Begeisterung der dort arbeitenden Soldaten.
Doch welche Nation könnte diese Stellungen, besonders in den schneereichen Wintermonaten, so professionell betreuen wie österreichische Soldaten? Meine Hygiene Kontrollen führte ich mit den Basiskenntnissen einer Hausfrau nach dem Studium der entsprechenden Literatur durch. Im Gegensatz zu uns in der Stabskompanie litten die Soldaten am Berg so gut wie nie unter Durchfällen, während wir im Camp regelmäßig von Jalla-Jalla (das ist arabisch und bedeutet soviel wie schnell-schnell) heimgesucht wurden. Was also konnte schief gehen? Gemeinsam mit den Köchen spazierte ich durch Küche und Vorratsräume, überprüfte die Temperatur in Kühlschränken und Gefriertruhen, machte Stichproben bei den Ablaufdaten der Lebensmittel. Die Inspektion endete nach den Waschräumen und Toiletten bei der Müllentsorgung, meistens war alles in bester Ordnung. Nach getaner Arbeit ließ ich mich gerne von der fachlichen Qualifikation der Köche überzeugen. Sowohl das Essen als auch die angebotenen Mehlspeisen waren stets hervorragend.
Exercise, exercise: Natürlich wurden wir auch von unseren Vorgesetzten beübt, um für den Ernstfall fit zu sein. Diese Art von Übungen werden auch in unseren Krankenhäusern regelmäßig durchgeführt, daher war so ein Einsatz vom Prinzip her für mich nichts Neues. Absolut neu war allerdings für mich die Umgebung, in der diese Übungen durchgeführt wurden und die damit verbundenen andersartigen Umstände.
Eines Tages gab es für uns Alarm, wir mussten mit unserem Notarztwagen, einem alterschwachen und deutlich untermotorisierten Pinzgauer, auf den Berg ausrücken. Die erste Meldung lautete: ein Soldat ist über einen Felsen in die Tiefe gestürzt, hat vermutlich Frakturen im Bereich beider Beine und muss geborgen werden. Endlich am Ort des Geschehens angekommen machten mir die Männer mit wenigen knappen Worten klar, dass sie beabsichtigten mich zum Patienten abzuseilen, und ehe ich mich versah, hatten sie mir Brust- und Sitzgurt angelegt. Ich konnte gerade noch in aller Eile eine kleine Notfalltasche packen, da stand ich schon an der Felskante, bekam kurze Anleitungen, und schon ging es hinunter in die Tiefe, ungefähr 10 – 12 Meter. Meine einzigen Gedanken in diesen Momenten waren nur, hoffentlich machen die da oben alles richtig, denn wenn mir jetzt etwas passiert, wer hilft mir dann? Ein Hubschraubereinsatz ist in dieser Region unmöglich. Aber es ging alles gut, auch der Patient wurde auf die Trage geschnallt ohne Probleme die Steilwand hinaufgezogen. Im Endeffekt war ich die einzig Verletzte, denn ich hatte mir an den scharfen Felskanten die Hände und Ellenbogen aufgeschürft.
Die nächste Übung verlief etwas weniger dramatisch, ich musste am Seil gesichert einen Steilhang hinunter klettern, um zu meiner Patientin, einer Soldatin aus Australien, zu gelangen. Durch Erfahrung klüger geworden trug ich bei dieser Aktion Handschuhe und vermied auf diese Weise Verletzungen meiner Hände durch Felsen und Disteln.
Märsche: Im Laufe des Herbstes, als die heißeste Zeit vorüber war, wurden einige Läufe und Märsche organisiert. Auch in der heutigen Zeit gehört das Zurücklegen von großen Strecken zu Fuß zu den Ausbildungspunkten eines jeden Soldaten. Natürlich war bei diesen Aktionen die Anwesenheit von Ärzten und Sanitätspersonal gefordert. Ohne mich genauer zu erkundigen meldete ich mich für die Schlusspatrouille beim so genannten Ausbatt Marsch Mitte Oktober. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass mir keiner widersprach.
Der Ausbatt Marsch dauert 2 Tage und ist insgesamt 45 Kilometer lang. Wie viele Höhenmeter dabei bewältigt werden, ist mir nicht bekannt, aber es sind einige. Jedenfalls beginnt der Marsch in Quneitra und endet auf Hermon Hotel. Unsere Gruppe bestand aus 5 Leuten, 3 davon waren Ausdauersportler. Der 4. Mann hat uns im Laufe des 2. Tages verlassen, so dass ich mit den Sportlern alleine zurück blieb. Insgesamt wurde dieser Marsch für mich zur kräftemäßigen Grenzerfahrung, aber ich habe es mit einigen Blasen auf den Fußsohlen geschafft.
Freizeit: Meine Freizeit war auf Grund der vielen Bereitschaftsdienste etwas knapp bemessen, aber es reichte für ein paar Ausflüge in Syrien, Jordanien und Israel. Ich habe es sehr genossen, in diese fremde Welt einzutauchen und mich mit der Kultur des arabischen Raumes und den 3 großen monotheistischen Religionen auseinander zu setzen. Ich kam mit mehr Fragen nach hause zurück als ich fort gegangen war, aber im Endeffekt war die Zeit für eine Vertiefung zu kurz.
Resümee: Bevor ich mit meinem Einsatz begann, bekam ich zu hause öfter zu hören: am Golan wirst du wenig zu tun haben, eher handelt es sich um einen Club Mediteranee in Uniform. Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht, möglicherweise lag es an meiner Dauerbereitschaft. Es kommt immer darauf an, in wieweit man sich auf eine neue Aufgabe einlässt, und ich habe mich jeder Konfrontation gestellt. Als ich am 3.12.2009 nach hause zurückkam, fühlte ich einerseits Stolz, andererseits eine große Müdigkeit.
Die 4 Wochen Urlaub im Anschluss habe ich dringend gebraucht um mich zu erholen und in meinem Alltag wieder Fuß zu fassen. Auf jeden Fall war dieser Auslandseinsatz nicht immer einfach, sich als kompetente Frau in dieser Männerwelt zu behaupten kostet Energien. Aber es war eine wichtige Erfahrung und Horizonterweiterung in meinem Leben. Bei allen, die mich begleitet haben und mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind, sei herzlich gedankt.
|
|
|
Zuletzt bearbeitet am 22.05.2010 um 16:04 |
|
|
|
|
|